Sakura

Mit etwas Verspätung startet unser Flieger in Hanoi. Der Flug dauert 4 Stunden und wir erreichen Osaka-Airport gegen 19.30 Uhr Ortszeit. Der erste Gang ist der Weg durch eine medizinische Kontrolle. Plakate fordern die Reisenden auf, sich zu melden, wenn sie sich krank fühlen. Ein erschöpft aussehender Japaner wird direkt von einem Angestellten mit Mundschutz und Taschenlampe aus der Reihe gewinkt. Ich unterdrücke ein Niesen und habe schon bemerkt, dass sich eine Erkältung anbahnt.

Der Flughafen liegt außerhalb von Osaka und bis wir im Zug sitzen, dauert es eine Weile. Erstmal müssen wir Geld organisieren. Hier wird wieder ganz anders gerechnet, 10.000 Yen sind ca. 80 Euro. Wir sind gar nicht mehr gewohnt, dass der Automat einen hohen Betrag ausgibt und haben auf einmal eine Menge Geld in der Hand! Japan ist bekanntlich teuer und so geht es auch gleich los: Die Simkarte kostet 60 Euro. Also, das neue Umrechnen muss erstmal wieder in unsere Köpfe! So schnell können wir gar nicht gucken, da hat der nette Japaner am Schalter die Karte schon ins Handy eingelegt. Endlich im Zug Richtung Osaka City, sind wir froh, dass wir sie gekauft haben. Die Recherche zeigt, dass wir für das gebuchte Hostel zu spät sind. Letzter Check In ist um 22.00 Uhr und wir sitzen noch im Zug. Hungrig sind wir auch, seit dem Frühstück haben wir nichts mehr gegessen. Bei der Landung waren es noch 18 Grad, jetzt aber weht uns ein ordentlicher Wind um die Ohren, als wir den Bahnhof verlassen. Die Hotelsuche muss warten, der Hunger treibt uns in eine Kellerkneipe. Öffnungszeiten bis 26 Uhr! Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht und wir ordern Bier, zwei gebratene Gemüsesticks und Misosuppe. Wo sind die Löffel? Die junge Kellnerin schaut etwas irritiert, als wir danach fragen. Gestärkt finden wir ein Hotel in der Nähe und verschieben weitere Planung auf den nächsten Tag. Die Klobrillenheizung und die Podusche mit verschiedenen Einstellungen entlockt uns noch ein Lachen und dann sinken wir in die weichen Kissen und sind froh, nicht im Hostelschlafsaal zu liegen. Am nächsten Mittag machen wir uns auf den Weg zum Hostel. Die Restaurants am Bahnhof, kleine Stuben mit schmalen Esstheken sind voll mit Japanern, die hier zu Mittag essen. Wieder Misosuppe. Diesmal beobachten wir, dass die Suppe aus den kleinen Schälchen getrunken wird. Es ist ja auch wieder kein Löffel dabei. Die Menschen auf den Straßen sind gut angezogen, vermutlich ist gerade Büropause, die Männer alle im Anzug, überwiegend in schwarz gekleidet. Im Allgemeinen sind die Leute modisch, schick und mit dezenten Farben bekleidet. Die Taxifahrer in ihren schwarzen Limousinen tragen weiße Handschuhe und die Sitze sind mit weißen Spitzenbezügen versehen. Das Straßenbild ist hier ein ganz anderes als in Südostasien. Osaka ist eine moderne Großstadt. Mit über 2 Millionen Einwohnern ist sie die drittgrößte Stadt in Japan. Die Straßen sind sauber, bei rot wird an der Ampel gewartet, es gibt keine Motorroller und gehupt wird auch nicht. Ab und zu fährt ein Fahrrad auf dem Gehweg an uns vorbei, der auch für Räder erlaubt ist. Im Hostel angekommen, dürfen wir einchecken, obwohl es noch nicht 15.00 Uhr ist, schließlich ist das Bett ja schon bezahlt. Es ist das herrlichste Frühlingswetter, der Himmel strahlend blau und die Luft ist frisch und klar. Wir machen uns auf den Weg zur Burg von Osaka. Wie schön die Kirschbäume blühen, sehen wir in dem riesigen Park auf dem Gelände. Als die Sonne sich verzieht, wird es ungemütlich, der Temperaturunterschied zu Vietnam beträgt mindestens 15 Grad. Beide sind wir etwas angeschlagen und müde. Mit Sushi aus dem Supermarkt lassen wir uns in der Küche des Hostels nieder und beenden den Tag frühzeitig, gespannt wie die Nacht im gemischten Schlafsaal mit 12 Betten wird. Sechs sehr geräumige Etagenbetten stehen dicht an dicht. Jede Koje hat einen Vorhang und ist gemütlich mit Licht und Ablage für die persönlichen Dinge ausgestattet. Der nächste Tag ist komplett verregnet. Mit Schniefnasen und Kopfschmerzen bleiben wir im Hostel und ruhen uns aus. Mit dem Schnupfen ist es hier sowieso so eine Sache. Man putzt sich in der Öffentlichkeit nicht die Nase, schon gar nicht im Restaurant. Es gibt auch keine Taschentücher zu kaufen. Bestenfalls Stofftaschentücher, mit denen sich das Näschen abgetupft wird. Meistens wird mehr oder weniger diskret hochgezogen.

Der neue Tag bringt wieder Sonnenschein und wir sind etwas aufgeregt, weil unsere erste Fahrt mit dem Shinkansen ansteht. Im Bahnhof von Osaka tauschen wir den Voucher gegen den Japan Railpass ein und los geht’s. Auf Gleis 22 startet der Schnellzug nach Hiroshima. Da passiert uns auch schon das erste Missgeschick! Wir sitzen im falschen Zug . Der Shinkansen Nozomi, der Expresszug ist für Railpassinhaber nicht gestattet. An der nächsten Haltestelle, die zum Glück nach nur ca. acht Minuten erreicht wird, steigen wir wieder aus. Immerhin sind wir ein kurzes Stück in einem der schnellsten Züge der Welt gefahren! Der richtige Zug bringt uns nach Hiroshima und das auch mit einer Geschwindigkeit von bis zu 320 km/h. Unser Hostel ist in der Nähe des Friedensparks, in einer ruhigen Wohngegend. In der obersten Etage sind drei Zweibettzimmer, darunter der Schlafsaal. In der ersten Nacht ist ein weiteres Zimmer besetzt, danach sind wir allein. Küche und Gemeinschaftsraum sind gut ausgestattet, wir können uns Frühstück machen und auch den Abend dort verbringen. Bei Sonnenschein machen wir uns zum Friedenspark auf.

Fast 74 Jahre später sind wir an dem Ort, wo sich die grauenvollen Ereignisse des ersten Atombombenabwurfs ereigneten. Das Museum informiert ausführlich. Wieder ein Ort mit trauriger Geschichte! Der Friedenspark hat mehrere Orte des Gedenkens. Er wurde an der Stelle errichtet, an der am 06. August 1945 die Atombombe „ Little Boy“ detonierte. Auf dem Weg vom Museum durch den Park kommt man an der Flamme des Friedens vorbei, die seit 1964 ununterbrochen brennt. Sie soll so lange brennen, wie es noch Kernwaffen auf der Erde gibt. Das Kinderfriedensmonument erinnert an das Leid der Kinder Hiroshimas. Es wurde nach dem Tod von Sadako Sasaki errichtet. Sie überlebte den Atombombenabwurf im Alter von zweieinhalb Jahren anscheinend unversehrt, erkrankte dann aber mit 12 Jahren an Leukämie. Eine Legende besagt, dass derjenige, der 1000 Papierkraniche faltet einen Wunsch bei den Göttern frei hat. Die junge Sadako faltet im Krankenhaus über 1000 Kraniche, doch ihr Wunsch wird nicht erfüllt. Nach ihrem Tod sammeln ihre Klassenkameraden und Schülerinnen und Schüler aus aller Welt Geld für ein Denkmal. 1958, drei Jahre später, wird das Denkmal errichtet und es trägt die Inschrift: „Das ist unser Ruf. Das ist unser Gebet. Für eine Welt des Friedens“. Unterhalb der Bronzstatue, die nach dem Bild Sadakos gefertigt wurde, kann eine Friedensglocke geläutet werden. Der Kranich ist ein Symbol des Friedens geworden und jedes Jahr kommen Menschen aus Japan und der ganzen Welt, um Papierkraniche am Denkmal abzulegen. Am Ende des Friedensparks gelangen wir auf der anderen Seite des Flusses zu einem weiteren Friedensdenkmal, dem sogenannten „Atomic Bomb Dome“. Er steht als Gedenkstätte für den kriegerischen Einsatz der Atombombe auf Hiroshima. Das Gebäude von 1915 brannte vollständig aus, dennoch blieben Gebäudeteile und Stützkonstruktionen des Kuppeldaches erhalten und gaben dem Denkmal seinen heutigen Namen. Seit 1996 gehört es zum Weltkulturerbe und soll die Hoffnung auf Weltfrieden und die Beseitigung aller Kernwaffen ausdrücken. 

Am späten Nachmittag bummeln wir in die Innenstadt. Wir wollen ein typisches japanisches Gericht ausprobieren, welches in Hiroshima ganz besonders zubereitet wird. Okonomiyaki! Wir gehen ins Okonomimura, ein Restaurant über mehrere Etagen. Die Zubereitung passiert auf einer Herdplatte, direkt vor den Nasen der Gäste. Zunächst wird ein dünner Teig aufgetragen, darauf kommen Weißkohl, Sprossen, gebratene Soba- oder Udonnudeln und zuletzt ein Ei. Gewürzt wird alles mit einer Spezialsauce, ähnlich einer Sojasauce, nur sämiger. Mit kleinen Spachteln schneidet man sich direkt auf der Herdplatte Stücke ab und schaufelt sie auf den Teller. Natürlich gibt es auch Varianten mit Fleisch oder Fisch. Mit dem Essen ist es für uns hier nicht so einfach. Wir vermissen das frisches Gemüse und Obst aus Südostasien. Die Japaner essen am liebsten Fleisch und Fisch und gerne frittiert. Süßes und Fettiges gibt es überall. Vegetarische Gerichte muss man suchen. Obst ist einzeln in Plastik abgepackt und teuer. Teuer ist eigentlich alles! Wir fragen uns, was der Japaner im Durchschnitt verdient. Die Recherche ergibt, dass es weniger ist, als in Deutschland.

Von Hiroshima bringt uns der Shinkansen nach Kyōto. Zugfahren ist hier etwas ganz Feines. Die Züge sind geräumig, sehr sauber und blitzschnell. Im Vorbeifahren können wir einen Blick auf die weiße Burg von Himeji werfen. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist eines der ältesten erhaltenen Bauwerke Japans. Kyōto liegt im Westen der Hauptinsel Honshū. Im zweiten Weltkrieg wurde die Stadt nicht zerstört und so sind viele buddhistische Tempel, Schreine, Paläste und Gärten erhalten. Leider sind wir nicht fit und müssen die Sightseeingtour einschränken. Dazu kommt, dass es auch noch in Strömen regnet. Damit wir wenigstens etwas von Kyōto sehen, fahren wir mit dem Bus in das Stadtviertel Gion. Trotzt des Regens sehen wir viele verkleidete Geishas, die mit ihren  weißen Socken in den Gummischläppchen Richtung Kennin-ji Tempel unterwegs sind, um sich dort fotografieren zu lassen. Wir folgen der Masse mit den Regenschirmen zum Tempel. Er ist der älteste Zen-Tempel in Kyōto, erbaut im 12. Jahrhundert. Auf Socken laufen wir durch die Gänge und schauen in die Gebetsräume, die alle mit den typischen Tatamimatten ausgelegt sind. Die Haupthalle mit der Buddah Statue hat eine eindrucksvolle Deckenbemalung. Ein riesiges Drachengemälde aus dem Jahre 2002 nach mythologischem Vorbild. Um uns zu schonen, ziehen wir uns früh in unser gemütliches Hotel zurück.

Die nächsten drei Tage verbringen wir in Fujiyoshida, einer Kleinstadt am Fuße des Fuji. Als wir ankommen ist Bilderbuchwetter und wir nutzen es direkt, um den Fuji von seiner schönsten Seite zu sehen. Nah des Bahnhofs führen einige Treppenstufen zur Churaito Pagoda. Von dort hat man bei gutem Wetter einen zauberhaften Ausblick auf den heiligen Berg. Heute ist so ein Tag. Der Himmel ist wolkenlos und die Sonne scheint warm. Vor einigen Tagen hat es noch geschneit und es war kalt, erzählt unser Vermieter. Wir wohnen im Asumi Onsen. Einem Haus in japanischem Stil. Zum ersten Mal schlafen wir auf Futonmatten und frühstücken an niedrigen Tischen traditionell auf Sitzkissen. Die Unterkunft ist ein Onsen-Hotel. Im Onsen werden heiße vulkanische Quellen genutzt, um darin zu baden und zu entspannen. Hier ist es das Wasser des Fujis. Nach der gründlichen Reinigung des Körpers taucht man in das heiße Becken. Wir genießen die Entspannung im Bad, das wir ganz für uns haben. Das Frühstück wird uns von der Dame des Hauses serviert und ist typisch japanisch, bestehend aus Tee, Reisbällchen, Misosuppe und Salat.

Hier ist die Gegend der fünf Seen. Mit dem Zug fahren wir nach Kawaguchiko und erwerben ein Busticket, gültig für zwei Tage und verschiedene Routen rund um alle fünf Seen. Wir machen eine Bootsfahrt auf dem Lake Motosuko, essen köstliche Udon-Gemüsesuppe, genannt Houtou, machen eine Wanderung, besuchen eine Höhle und fahren mit der Mt. Fuji Panorama Seilbahn, mit Blick auf den Berg und den Lake Kawaguchiko. Das alles an einem Tag! Am nächsten Tag lassen wir es ruhiger angehen. Erst gegen Mittag nehmen wir den Zug nach Kawaguchiko. Vorher suchen wir auf Empfehlung unserer Vermieterin ein Udon-Nudelrestaurant in der Stadt auf. Von außen sind die kleinen Restaurants oft wenig einladend. Man kann nicht von draußen hineinschauen, Türen und Fenster sind verhängt. Innen gibt es Bereiche mit Tischen und Stühlen und Plätze auf dem Boden. Im Ten Seiya werden wir freundlich begrüßt und das nicht nur von der Bedingung. Auch die anwesenden Gäste nicken uns zu und freuen sich. Englisch spricht hier niemand, wie so oft. Egal, wir möchten Udonsuppe, so wie die Damen am Nachbartisch. Sie sprechen uns auf japanisch an und wir lachen gemeinsam darüber, dass wir uns trotz der Sprachbarrieren verstehen. Beim Hinausgehen machen sie eine ausladende Bewegung: „Sakura“. Ja, natürlich, die Kirschblüte haben wir gesehen und finden sie auch wunderschön! Für die Japaner ist die Zeit der Kirschblüte der Frühlingsbeginn und ein Höhepunkt im Jahreskreislauf. Sie steht für Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit. Es sieht auch wirklich sehr schön aus, wenn 20 oder mehr Kirschbäume nebeneinander blühen. Nach der Sightseeingtour am Tag zuvor sind wir irgendwie platt und lassen uns mit dem Bus durch die Gegend fahren. Wir werfen einen letzten Blick auf den See und machen uns auf den Heimweg. Ein Abendimbiss im Running Sushi und ein Bad im heißen Quellwasser runden den Tag ab. Bevor wir am nächsten Tag Fujiyoshida bei strahlendem Sonnenschein verlassen, gibt es vor dem Onsen noch ein Foto mit dem bezaubernden Betreiberpaar, das so herzlich und freundlich ist. Tiefenentspannt bereiten wir uns mental auf unseren letzten Reiseabschnitt vor: Tokio

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