Di thôi

Di thôi übersetzt bedeutet „Auf geht’s“, und für uns geht es an diesem Morgen ganz früh zum Bahnhof von Hué. Vietnam auch mit dem Zug zu bereisen, das war unser Wunsch. Mit einer halben Stunde Verspätung fährt der Zug in den Bahnhof ein. Es ist der Nachtzug aus Ho-Chi-Minh-City, er hat schon eine lange Reise hinter sich. Und nicht nur das – er hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Wir haben im Schlafwagen reserviert und haben zum Glück das Abteil während der gesamten Fahrt für uns. Die Klimaanlage ist kalt eingestellt und wir krabbeln erstmal unter die Baumwolldecken. An Schlaf ist aber in diesem Moment nicht mehr zu denken, denn auf dem Flur wird laut gesprochen und Qualm von Zigaretten zieht durch die Ritzen des Wagons. Also schauen wir aus dem Fenster und das ist wirklich ein Vergnügen. Vietnams Natur und Landschaften sind einfach wunderbar, mit dicht bewaldeten Bergen im Hintergrund, vorne hellgrüne Reisfelder. Vorbei ziehen Orte mit bunten Steinhäusern und schön angelegten Gemüsegärten. Es ist erstaunlich sauber, kein Müll weit und breit, dafür Wasserbüffel, die spazieren gehen und Frauen mit dem typischen Reishut in den Feldern. Es ist gerade zu malerisch. Der Gang zur Toilette dagegen eine echte Herausforderung. Der Zug hat verschiedene Kategorien an Abteilen. Es gibt einen Wagen mit neueren Schlafabteilen, die aber auch nicht schöner als unser Abteil sind. Dann die Semi-Sleepersitze, hier sitzen vereinzelnd auch einige Touristen und zuletzt die Holzklasse. In diesem Wagon ist jede Holzbank besetzt. Teilweise liegen die Menschen unter den Bänken. Es gibt keine Klimaanlage und die Luft ist stickig. Die Leute sehen erschöpft aus und schauen nicht besonders freundlich, als ich mich hindurchquetsche, um einen Blick in den Speisewagen zu werfen, der noch dahinter liegt und wenig einladend aussieht. So besteht unsere Mahlzeit aus Bananen und einer Rolle Chips. Nicht zu vergessen, die Süßigkeit aus Song Huong, die aus Erdnüssen, Sesam und einer furchtbaren klebrigen, süßen Masse besteht. Viel kann man davon nicht essen. Nach dreizehn Stunden erreichen wir das Ziel: Hanoi! Wir haben das Anise Hotel gebucht. Etwas abseits des Halli Gallis dieser chaotischen Stadt, aber zentral genug, um alles zu Fuß zu erkunden. Unser Zimmer ist groß und komfortabel. Es gefällt uns, bis wir die kleinen Krabbeltierchen auf Kopfkissen und Bettdecke entdecken. Wir sind echt kaputt, trotzdem steht ein Umzug von der dritten in die sechste Etage an. Das Zimmer ist frei von Insekten und das Frühstück am nächsten Morgen ist so gut, dass wir die letzten Nächte in Hanoi gerne hier buchen möchten. Obwohl das Hotel laut Aussage des Portiers am Wochenende komplett ausgebucht ist, gelingt es uns dennoch online zu buchen.

Es regnet, also macht es nicht soviel, dass wir die Unterkunft erst mittags verlassen. Hanoi hat wenig Sehenswürdigkeiten, es macht einfach Spaß durch die engen Gassen zu ziehen und die Stimmung zu genießen. Die wieder anders ist, als in Saigon oder in den übrigen von uns besuchten Orten. Das Überqueren der Straßen haben wir nach der langen Zeit in Südostasien perfektioniert! Das ist besonders wichtig für dieses Land. Hier scheint der meiste Verkehr zu sein. Die Devise lautet: Einfach gehen, wer zuerst da ist, geht (oder fährt) auch zuerst. So umfahren die Autos und Motorroller einen einfach, wenn auch manchmal ziemlich knapp! Als erstes an diesem Tag suchen wir die Phung Hung Street auf. Auf der rechten Seite Streetart, auf der linken Seite Streetfood. Hund! Tatsächlich, komplett mit Haut ohne Haar, liegen sie am Stück abholbereit! Freilaufende Hunde sieht man in dieser Straße nicht. Nach dem Regen sind die Temperaturen angenehm, die Pfützen trocknen und wir laufen Richtung St.-Joseph-Kathedrale, einer spätgotischen Kirche aus dem 19. Jahrhundert. In Kirchplatznähe gibt es nette Restaurants und Cafés. Im „The Church“ verbringen wir den Nachmittag und ich probiere „Eggcoffee“, eine Spezialität aus Vietnam. Am frühen Abend besuchen wir das Thang Long Water Puppet Theatre. Das Wasserpuppenspiel gibt es nur in Vietnam und vermutlich war es schon im 11. Jahrhundert fester Bestandteil des Lebens auf den Dörfern, weitergegeben von den Alten an die Jungen. Es ist toll! Ein Orchester mit traditionellen Instrumenten begleitet das Puppenspiel und verleiht den Holzfiguren ihre Stimmen. Die Puppenspieler sind nicht zu sehen, denn sie lenken ihre Figuren hinter einem Vorhang. Dabei stehen sie bis zur Hüfte im Wasser. Es ist beeindruckend, wie sich die lackierten Holzpuppen bewegen, eine außergewöhnliche Technik steckt dahinter. Die Szenen erzählen vom Alltag der Bauern, von alten Sagen und der Liebe, von feuerspeienden Drachen und heiligen Tieren. Als wir danach unser Klamotten aus der Wäscherei holen, spricht uns jemand von hinten an. Kaum zu glauben, Laurenz aus Köln, mit dem wir die Grenze vor 11 Tagen von Kambodscha nach Vietnam überquert haben, steht hier in dieser belebten Straße der 8 Millionen Stadt Hanoi. Die Welt ist klein.

Nachdem wir am nächsten Morgen zwei Tagesausflüge gebucht haben, machen wir uns auf den Weg zum Ho-Chi-Minh-Mausoleum. Es befindet sich in einer riesigen Parkanlage. Das ehemalige Wohnhaus des berühmten vietnamesischen Präsidenten kann auch besichtigt werden. Den einbalsamierten Onkel Ho bekommen wir nicht zu sehen, die Räume sind nur morgens geöffnet. Hanoi ist riesig, aber das Zentrum mit der Altstadt ist überschaubar. Mittendrin befindet sich der Hoan Kiem Lake, ein Erholungsort in der Stadt. Überall gibt es Plätze und genügend Restaurants und Cafés, um immer wieder auszuruhen, gut zu essen und das rege Stadtleben zu beobachten.

Wir haben eine Tour in die so genannte trockene Halong-Bucht gebucht. Trocken, da hier die Kalksteinfelsen im Gegensatz zur bekannten Halong-Bucht nicht aus dem Wasser ragen, sondern pittoresk zwischen den Reisfeldern stehen. Ein Kleinbus holt uns am Morgen vom Hotel ab. Die Gruppe ist klein, insgesamt 14 Personen. Nach zwei Stunden erreichen wir die Provinz Ninh Binh. Der erste Stop ist Mua Cave. Wenn man die 500 Stufen erklommen hat, hat man einen ganz schönen Ausblick. Lunch gibt es am Buffet in Kantinen-Atmosphäre mit weiteren Reisegruppen. Die Besichtigung einer Pagode am Ort steht an und dann endlich fahren wir nach Tam Cok und lassen uns über den Fluss Ngo Dong durch die hübsche Landschaft rudern. Da fünf von uns im Anschluss noch eine kurze Radtour vor sich haben, wird die Gruppe getrennt. Die anderen paddeln auf einem anderen Fluss, auf dem es von Touribooten nur so wimmelt. Auf unserem Fluss ist etwas weniger los. Mit uns fährt Piet, ein Holländer, der uns erst beim Abschied seine Deutschkenntnisse offenbart. Mit Hug, dem jungen Guide radeln wir durch die Reisfelder. Er ist super sympathisch und da unsere Fahrradgruppe nur noch aus vier Personen besteht, hat er Zeit für unsere Fragen und erzählt aus seinem Leben. Hund hat er als Kind auch gegessen und Reisfeldratte. Er wuchs auf dem Land auf, da ist das üblich. Wenn die Felder abgeerntet sind, werden die Nager gefangen und gegrillt. Nicht zu vergleichen mit einer Stadtratte. Die kann man nicht essen, sagt er und es gibt sie auch nicht zu kaufen. Er ist 27 Jahre alt und hat Tourismus studiert. Das Monatsgehalt von 600 USD ist über dem Durchschnitt. Sein Zimmer in der Hauptstadt ist teuer, trotzdem  spart er Geld und träumt von einem eigenen Business. In Reisegruppen unterwegs zu sein, ist nicht unsere favorisierte Art, die Umgebung zu erkunden, aber so hat man aber die Gelegenheit, die Bekanntschaft englisch sprechender Einheimische zu treffen. Das ist immer wieder interessant.

Die Trainstreet steht als Letztes auf unserer Besichtigungsliste! Das ist wirklich abgefahren im Sinne des Wortes! Personenzüge fahren mehrmals täglich durch eine Häuserschlucht. Zwischen Zug und Hauswänden ist vielleicht ein knapper Meter Platz. Die Anwohner haben Cafés entlang der Zugstrecke aufgemacht, denn hunderte von Touristen wollen das Spektakel beobachten. Die Stimmung ist gut. Bevor der Zug kommt, werden in Windeseile Tische und Stühle zur Seite geräumt. Ein Streckenposten läuft an den Zuschauern vorbei und kontrolliert den Abstand der Menschen zu den Gleisen. Zügig passiert der Zug die enge Strecke zwischen den Häusern. Wir schauen uns das Ganze gleich zweimal an, das Bier schmeckt und die Atmosphäre ist wie im Staßencafé.

Wir haben Glück, nach den letzten eher diesigen Tagen scheint heute Morgen schon die Sonne in Hanoi. Unser letzter Ausflug in Vietnam geht zur Halong-Bucht bzw. in die Lan Ha Bay. Die Lan Ha Bay ist nur von der Insel Cat Ba zu erreichen und soll nicht so überlaufen sein. Unsere Kanadier und auch Piet aus Holland haben erzählt, dass in der Halong-Bucht sehr viel los war. Wir sind also gespannt, was uns hier erwartet. Dann werden wir sehr positiv überrascht. Der Bus mit Hero unserem Guide, eigentlich heißt er Hung, fährt uns zunächst auf den nagelneuen Highway. Motorroller sind hier verboten. Wir brauchen ca. zwei Stunden und nehmen dann das Speeboat zur Insel. Cát Bà ist die zweitgrößte Insel in Vietnam und die größte in der Halong-Bucht. Sie gehört zu einem Bioreservat und hat einen Nationalpark. Es ist wirklich ein kleines Paradies. Zuerst machen wir eine kurze Radtour zur Hospital Cave, eine Höhle, die im Vietnamkrieg als Krankenhaus für die Soldaten genutzt wurde. Von dort aus geht’s weiter zum Hafen. Wir sind zunächst das einzige Touristenboot, das ablegt. Lunch gibt es an Bord. Während wir ankern, können wir einen Blick auf die schwimmenden Dörfer werfen. Dann schippern wir los, zwischen den Karstfelsen hindurch. Der Anblick ist grandios. Wir machen einen Stopp an einer An- und Ablegestelle für Kajaks. Es ist so gut organisiert, dass sich auch hier nur wenige Boote in die Quere kommen. Mit den Kajaks sind wir ungefähr eine halbe Stunde auf dem Wasser und paddeln durch Felsbögen mit riesigen Stalaktiten. Zurück auf dem Boot geht es weiter durch die Bucht und wieder sind wir so gut wie alleine auf dem Wasser. Die Sonne scheint warm und es gibt einen kurzen Stopp zum Baden. Schnell ist der schöne Nachmittag an Bord vorbei. Auch unsere Zeit in Vietnam endet und wir bereiten uns auf die letzte Etappe vor: Japan!

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